Werdenfelser Segelflieger

Matterhorn-Flug

Schon eine Weile vorher zeichnete sich der Dienstag als guter Flugtag ab. An den Vortagen überlegte ich mir diverse mögliche Flugwege, sowohl im Flachland als auch in den Alpen, da sich die Prognose von „nur im Flachland brauchbar“ immer mehr auf Alpenwetter veränderte, je näher der Dienstag rückte. Am Montag war ich Flugleiter und konnte meine Pläne für Dienstag noch weiter ausarbeiten. Der Montag war ja in den Westalpen bereits sehr gut, im Osten aber noch nicht wirklich. Ich bin davon ausgegangen, dass am Dienstag dann auch die Ostalpen wieder gut sind und so gutes Flugwetter in den gesamten Alpen herrscht. Daher war mein Plan am Montagabend, ein 750 km-FAI-Viereck mit Wenden in der Gegend von Aigen, in den Lienzer Dolomiten und bei Samedan anzumelden.

Ich blieb über Nacht am Flugplatz, und als ich am Dienstag um Viertel vor 7 das erste Mal nach draußen schaute, war der Anblick ziemlich ernüchternd. Der Himmel war bedeckt von 7/8 komischer Bewölkung, die aussah wie Restbewölkung nach nächtlichen Gewittern, nur, dass es nachts keine Gewitter gegeben hatte. Jedenfalls sahen diese Wolken nicht gerade vielversprechend aus für einen guten Flugtag, sondern eher für ein frühes Ende durch Überentwicklungen. Ich habe mir dann noch einmal die neueste Rechnung von TopTask angeschaut, und die war für die bayerischen Alpen auch nicht sehr positiv. Es sollte laut Vorhersage ab Mittag regnen und gewittern. Allerdings war positiv, dass sowohl inneralpin als auch im Flachland die Prognose weiterhin gut war. Also ging ich zum Anhänger und baute mit Hilfe der österreichischen Gäste die 1D auf und tankte 120 Liter Wasser, mehr ging leider nicht, weil ja die Dimona das einzige verfügbare Schleppflugzeug war. Zwar schien mir mein ursprünglicher FAI-Vierecks-Plan nicht mehr wirklich realistisch, und die Aussicht auf unfliegbares Wetter am Platz ab Mittag war auch nicht gerade motivierend, aber ich war ja jetzt schon da, und ob und wann es wirklich regnet, war ja auch nicht klar. Und wenn man während dem Regen woanders ist, wo es nicht regnet, stört er auch nicht wirklich. Außerdem habe ich eigentlich noch nie bereut, an einem Tag geflogen zu sein, aber schon oft, wenn ich nicht geflogen bin. Herby, der eigentlich auch fliegen wollte, kam dann zwar zum Flugplatz, entschied sich aber, nicht aufzubauen. So hatte ich dann immerhin einen Rückholer. Man hätte wohl schon um 10 starten können, bei mir wurde es aber etwas später, weil ich zunächst den Flieger zur 04 brachte, dann kurz nach Murnau fuhr, um eine neue Batterie fürs EDS zu kaufen, und als ich zurückkam, der Wind so gedreht und aufgefrischt hatte, dass 22 die einzig sinnvolle Startrichtung war. Also musste ich umbauen, vor mir starteten dann die 8X mit Dirk und Frieder sowie Bernd Schinschel in der EVA. Um kurz vor 11 zog mich dann die CC in die Luft.

Ich klinkte schon relativ früh in der Gegend von Eschenlohe, da es auch im Flachen schon überall ging. Der Bedeckungsgrad war immer noch relativ hoch, und in der Luft war auch der vorhergesagte Nordwestwind da. Ich war mir immer noch nicht sicher, was ich von diesem Wetter halten sollte, mein Plan war daher, zunächst mal Richtung Engadin zu fliegen und da mal zu schauen. Das ergab sich, weil ich in den Alpen fliegen wollte und das Flachland nur Plan B war und in Richtung Osten die komischen morgendlichen Wolken deutlich dichter waren und noch weniger Sonne drin war. Auch die 8X war in Richtung Engadin unterwegs. Der Wind ermöglichte einen Abflug, den ich so bislang auch noch nicht geflogen bin, über dem Flachen bei Eschenlohe bis auch 1600 m, dann im Westwind an der Hohen Kiste entlang Richtung Wank und von dort aus weiter Richtung Zugspitze und über die Mieminger zum Tschirgant. Die Basis war schon recht hoch mit über 2700 m und auch der Bedeckungsgrad war wieder deutlich normaler, später im Engadin auch wieder ganz normal. Das erste Mal über 3000 m ging es dann am Venetberg, wo mir auch die 8X begegnete. Ich entschied mich wegen dem Nordwestwind dafür, auf der Südseite des Engadins zu fliegen, was soweit auch ganz gut funktionierte. Die Optik im Engadin war ziemlich interessant, zusätzlich zu den Cumuli waren auch noch überall Lentis. Als ich am Ende vom Engadin angekommen war, bot sich mir ein seltener Anblick: Die Südluft, die normalerweise direkt hinter dem Maloja liegt, war nicht da. Erst weit im Süden, noch südlich vom Comer See, sah man, dass dort die Basis deutlich absank. In Richtung Tessin aber standen die Wolken in ähnlicher Höhe wie über dem Engadin, wodurch sich der weitere Flugweg ergab.

Optik im Engadin:

Bernina:

Ich wechselte nach Norden auf die andere Talseite, weil ich nicht zu weit in den Süden geraten wollte, und flog vorsichtig vor. Immerhin war ich in dieser Gegend noch nie gewesen (alle meine anderen Flüge, die übers Engadin hinausgingen, waren dort deutlich weiter nördlich) und hatte nur theoretisches Wissen darüber. Ich konnte immer wieder etwas Höhe gewinnen, aber sehr überzeugend war das Steigen nicht, so dass ich insgesamt tiefer war, als ich es vielleicht gerne gehabt hätte. Südöstlich vom Splügenpass kam ich dann nochmal auf 3100 m und querte dann das Tal nach Westen zur nächsten Wolke. Dort angekommen fand ich irgendwie den Bart nicht und wurde schon etwas nervös, da ich auch nicht mehr sehr hoch war (etwa 2750 m) und mich dort jetzt eigentlich nicht versenken wollte. Zum Glück fand ich den Bart dann aber doch noch, er stand deutlich westlich vom Berg und brachte mich wieder in angenehmere Höhen (über 3600 m). Auf dem weiteren Weg nach Westen blieb ich südlich des Rheinwaldhorn und kam so recht gut in die Gegend von Ambri. Dort wurde die Thermik wieder schwieriger zu finden, irgendwie lösten sich die Wolken immer vor mir auf, so dass ich den Nufenenpass relativ tief anflog. Dort musste man erstmal durchs Lee (kein Wunder bei dem Westwind), aber schon über der Passhöhe gab es wieder Steigen. Nun war ich also im Wallis angekommen, mein Zeitplan sah vor, um 15:30 Uhr umzukehren, es war aber erst kurz vor 3, also flog ich weiter.

Zwischen Engadin und Splügenpass:

Am Nufenenpass:

Windräder am Nufenenpass:

Ich blieb zunächst deutlich unter der Basis, weil die Thermik irgendwie weiter oben nicht mehr so überzeugend war oder ich zu dusselig war, um sie zu finden, erst in der Gegend von Brig kam ich wieder ordentlich rauf. Ich wollte von dort aus dann noch einen Grat nach Westen fliegen, weiter nach Westen war es schon sehr schattig und sah nach Regen aus. Irgendwie dachte ich aber, das Tal, in dem das Matterhorn liegt, wäre noch 2 Täler weiter westlich. So kam es, dass ich zum besagten nächsten Grat flog, mich umschaute, und auf einmal das Matterhorn formatfüllend vor mir sah. Ich war total perplex, aber auch unglaublich glücklich, denn erst in diesem Moment wurde mir klar, dass das heute ein Matterhornflug werden würde. So machte ich mich also auf in Richtung Matterhorn. Auf dem Weg dahin waren die thermischen Bedingungen richtig gut, es war eigentlich schade, dass ich nicht einfach Richtung Südfrankreich weiterfliegen konnte mangels Geld und Zeit und Vorbereitung, gegangen wäre es sicher. Mittlerweile war es aber nach 15:30, daher nutzte ich das absurderweise vorhandene LTE, um im OLC nachzuschauen, wann Arne bei seinem Gran-Paradiso-Flug am Rückweg dort vorbeigekommen war, stellte fest, dass das um etwa 15:50 war, und flog also selbst weiter am Dom entlang Richtung Matterhorn. Um 15:45 Uhr drehte ich dann 10 km vor dem Matterhorn um, umgeben und überragt von einigen der beeindruckendsten Bergen der Alpen.

Wenig einladende Optik im Westen des Wallis:

Erster Blick zum Matterhorn:

Beeindruckende Gletscher:

Kurz vorm Matterhorn:

Monte Rosa:

Matterhorn:

 

Der Rückweg ging dann im Vergleich zum Hinweg deutlich besser, ich war höher und fand besseres Steigen. So war ich bald wieder bei Ambri, und auch dort und weiter Richtung Osten hatte sich das Wetter verbessert, die flüchtigen und variablen Wolken vom Hinweg waren nun richtig ausgeprägte, schöne Wolken, die auch zuverlässig Steigen brachten. So war ich im Handumdrehen wieder am Malojapass, genauer gesagt um 17:20. Also war ich deutlich vor dem Zeitplan, der sagte, dass ich am besten spätestens 18 Uhr wieder im Engadin sein sollte. Nun sollte der Rückweg ja nicht weiter kompliziert sein, dachte ich. Noch etwas über 180 km in der Engadin-Abendthermik. Irgendwie war es dann aber doch nicht ganz so einfach, vor Samedan kam ich nicht wirklich hoch, sondern machte immer nur ein paar Meter Höhe dazu, und dann stand auch noch bei Pontresina ein Schauer, der auch die dortigen normalerweise sicheren Bärte abschattete. So kam ich nur langsam vorwärts, immer auf der Suche nach einem brauchbaren Bart und im schwachen Steigen etwas Höhe mitnehmend. Erst kurz vorm Piz Quattervals war ich wieder richtig in der Sonne, und dort kam ich dann auch wieder mit gutem Steigen auf über 3700 m. Nun ging es weiter Richtung Heimat, was sich wegen dem Nordwestwind, der mein Vorankommen doch ein bisschen behinderte, länger zog als normalerweise. In der Gegend von Pfunds konnte ich dann Endanflughöhe erreichen, nahm aber auf dem weiteren Weg auch noch alles an Steigen mit, was ich finden konnte, weil ich die Möglichkeit haben wollte, durch einen eventuellen Schauer, von denen es mittlerweile dort einige gab, gleiten zu können. Als ich an der Zugspitze ankam, hatte ich also durch den Westwind eine riesige Endanflugreserve, das Problem war nur, dass eine ziemliche Regenwand Richtung Ohlstadt stand. Ich versuchte, per Funk und Telefon herauszufinden, ob man in Ohlstadt landen konnte, erreichte aber niemanden. Also flog ich weiter, da meine Höhe mir die Option offenhielt, nach Königsdorf zu fliegen, wenn es in Ohlstadt tatsächlich nicht landbar sein sollte. Ab Garmisch begann es leicht zu regnen, nun konnte man aber sehen, dass Ohlstadt genau zwischen zwei heftigen Schauern lag, von denen einer östlich Richtung Ohlstädter Hang war und der andere noch westlich vom Platz war. Also zog ich die Klappen und vernichtete meine Höhe, um noch vor dem zweiten Schauer landen zu können. So setzte ich dann um kurz nach halb acht nach einem unglaublich schönen und faszinierenden Flug, mit dem ich am Morgen überhaupt nicht gerechnet hätte, in Ohlstadt auf. Vielen Dank auch noch einmal an Dirk und Frieder, die mir dann noch beim Abbauen halfen, bevor dann der heftige Regen kam.

 

Nahe Ambri, Blick Richtung Osten:

Blick von der Zugspitze Richtung Ohlstadt:

Abendstimmung mit Schauern:

Zuletzt geändert: 
Fr, 2017-05-26 00:22